Der gemeine Hipster, ein Mode- oder Medienphänomen?

Ueber den Trend des “nur so tun als ob” – eine kritische Meinung zum Thema “Hipster”.

Über Trend den Trend des 'nur so tun als ob'.

Warnung, der folgende Beitrag kann Spuren von Ironie und Zynismus enthalten.

Hipster, wer kennt sie nicht. Diese stylish gekleideten jungen Männer und Frauen auf ihren nackten Rennrädern. Vollbepackt mit Jutebeuteln, Apple Produkten, Nerd-Brillen und analogen LOMO-Kameras stehen sie für eine (mehr oder weniger) alternative Subkultur die den Globus erobert. Das ist zumindest das vorherrschende Bild in den Köpfen vieler von uns dieser Tage.

Betrachtet man den Ursprung dieser Spezies, zeigt sich schnell, dass unsere heutige Vorstellung vom Hipster nicht mehr viel mit dem Original gemein hat. Denn als verspätete amerikanische Ausgabe des Bohème war das Hipstertum eine in der Mitte des letzten Jahrhunderts zu verortende (gewollt andersartige) Erscheinung. Als Urtypen des klassischen Hipster können dabei zum einen die schwarzen Erfinder des Bebop gelten wie auch die dichtenden weißen Beatniks mit ihren literarischen Ergüssen in den späten 1940ern.

Der heutige Hipster muss allerdings nur noch einem gewissen optischen Klischee entsprechen um als solcher bezeichnet zu werden. Er trägt meist eine gepflegte Nerd- oder Hornbrille, dazu ein klassisches Flanell- oder Holzfällerhemd mit einer engen Röhrenjeans oder einer Chinohose, vielleicht noch ein paar Tattoos und/oder Piercings gepaart mit einen Bart (bei Männern) und einer ausgefallenen Frisur, die mindestens eine kurz rasierte Kopfpartie beinhaltet. Fertig ist der Hipster-Style und ein Trend gegen den (meiner Meinung nach) nichts auszusetzen ist, solange einem von der Mehrheit der Gesellschaft nicht aufgezwungen wird ebenso gekleidet durch’s Leben zu gehen.

Dabei gibt es aber auch richtige Hipster. Sie sind zwar eher seltenen, zeichnen sich aber dadurch aus, dass sie über diesen Stil hinausgehend auch noch aufgeklärte und kultivierte Menschen sind, die zumeist in Kreativberufen arbeiten, eine progressive politische Einstellung vertreten und sich dem Mainstream entziehen wollen. Eine (so finde ich) ebenfalls vollkommen legitime Lebenseinstellung, solange auch diese nicht dazu führt, dass jemand in seinen Grundrechten eingeschränkt wird.

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Jedoch gibt es neben dem Hipster-Stil und der Hipster-Weltsicht noch eine dritte Ausprägung: Den Pseudo-Hipster. Und wenn ich das Wort ‘pseudo’ verwende, dann meine ich dies in doppelter Hinsicht. Denn viele dieser dritten Hipster-Gattung denken sie würden gegen den Mainstream schwimmen, spielen dem Kapitalismus dabei aber vollkommen in die Hände. Sie kaufen in kleinen Berliner Boutiquen vollkommen überteuerte Markenprodukte und versuchen sich dann mit Hilfe von wiederum teurer Technik ‘alternativ’ zu positionieren. Was mich letztendlich zum zweiten ‘pseudo’-Aspekt bringt, dem ‘nur-so-tun-als-ob-Phänomen’.

Das mit dem nur-so-tun-als-ob beziehe ich in diesem Kontext besonders auf Medientechnologien, daher auch der Titel dieses Artikels. Denn mir ist in letzter Zeit verstärkt aufgefallen, dass sich viele Hipster mit Medientechnologien umgeben die eben nur so tun als ob.

Instagram und Hipstamatic zum Beispiel. Es gibt doch wirklich Menschen (meiner Erfahrung nach sehr häufig eben Hipster) die fest daran glauben, dass man mit seinem iPhone und mit Hilfe einer App analoge Fotos schießen kann. Bei Hipstamatic trägt besonders der Aspekt dazu bei, dass die Filter und Effekte der App ‘Lens’, ‘Film’ und ‘Flash’ heißen. Es tauchen dann solche Namens Kaimal Mark II Lens, Blanko Noir Film oder Cherry Shine Flash auf. Dass das noch nicht alles ist, zeigen die zu abertausenden ins Netz gestellten Amateur-Fotogalerien von Menschen, die sich wegen einer App als Künstler sehen. In Berlin endete jüngst im Mai sogar eine Instagram-Ausstellung, die ‘INSTAGRAM + EXHIBITION = #INSTAHIBIT‘.

Dieser Fototrend lässt sich aber noch an anderer Stelle erkennen. Nämlich beim großen Bruder dieser Apps, der analogen Lomographie. Was ursprünglich mit billigen russischen und chinesischen Volkskameras (wie der Lomo LC-A, der Holga oder der Diana) begann, weitete sich in den 90ern und stärker noch in den letzten Jahren zu einem erschreckenden Trend aus. Junge Pseudo-Hipster streifen mit ihren (vollkommen überteuerten) Replika Holgas, Fisheye oder Multilinsen Kameras durch die Gegend, schmeißen sie in die Luft und warten, dass die bewussten Produktionsfehler dieser Geräte ‘Kunst’ produzieren. Denn anders als bei wirklichen Fotografen und Künstlern – zu dessen Reihen ich mich übrigens ausdrücklich nicht zähle, auch wenn ich hier ein paar Schnappschüsse veröffentliche – geht es bei der Lomographie nicht um Bildkomposition, saubere Technik oder ein gutes Auge für Motive. Nein, es geht um schrille Farben, verzerrte Optik und krasse Bildfehler. Aus meiner Sicht ist diese Form der analogen Fotografie daher nichts anderes als ein großer Spass und eben keine Kunst. Das sehen einige Hipster jedoch anders und fühlen sich als Kulturschaffende, Fotografen und Künstler wenn sie lomographieren. Da ist es wieder, das nur-so-tun-als-ob-Syndrom.

Doch die Geschichte endet hier noch nicht. Denn sie machen sich auch die analoge Musik zu eigen, diese Hipster. Auf Flohmärkten und in Second-Hand-Stores stöbern sie nach alten Schallplatten, um sie dann auf ihre brandneuen Plattenspieler zu schmeißen, die sie wiederum via USB-Anschluss an ihre MacBooks klemmen. Sie freuen sich dann über Kratzer auf den Platten und überspielen dann Seite für Seite in ihre iTunes Bibliotheken um auch unterwegs mit Hilfe sämtlicher Apple Produkte den ‘Flair’ analoger Musik zu genießen imitieren.

Wo wir auch beim nächsten Thema wären, dem Apple-Wahn. Ich selbst habe ein MacBook, aber aus ganz praktischen Gründen. Nicht, weil es ‘alternativ’ ist etwas vom angebissenen Apfel zu besitzen und auch nicht, weil es sich grün anfühlt, wenn man sich etwas von Steve Jobs Tim Cook andrehen lässt. Viele Pseudo-Hipster glauben aber eben genau das. Sie glauben fest daran, dass das was sie kaufen alternativ und nachhaltig ist, auch wenn die Verkaufszahlen von iPhone, iPad und iPod sowie die Mitarbeiter von Focxconn in China eine ganz andere Geschichte erzählen.

Was lehrt uns das alles nun? Also, gegen einen Hipster-Modetrend gibt es nicht viel einzuwenden. Außer vielleicht, dass er einem nicht gefällt. Auch eine Hipster-Weltsicht ist vollkommen in Ordnung, so lange sie den Rest von uns nicht in unserer Lebensweise einschränkt. Aber ich fühle mich für dumm verkauft, wenn mir jemand sagen will, dass Medientechnologien die ich kenne und verstehe, etwas anderes sein sollen, als sie es tatsächlich sind. Also bitte liebe Pseudo-Hipster, ihr könnt gerne Instagram, Hipstamatic und LOMO-Kameras nutzen, aber bitte lasst die Kunst den Künstlern übrig. Kauft euch ruhig tolle Plattenspieler, aber bitte nur dann, wenn euch die Haptik des Vinyls gefällt und ihr Spass daran habt alle 20 Minuten die Scheiben umzudrehen. Und auch Apples Produktpalette geht in Ordnung, wenn ihr die Produkte ihrer Funktionalität wegen kauft (oder euch einfach vom Lock-In Effekt einnehmen lasst). Aber bitte, bitte versucht nicht uns Nicht-Hipstern einen Bären aufzubinden indem ihr nur so tut als ob.

In diesem Sinne,

Euer und Ihr Timm Jelitschek // creatimm

Weiterführende Links zum Thema:

[Note: Ich möchte betonen, dass es sich bei diesem Beitrag um eine Meinung und um eine subjektive Beobachtung handelt. Es ist nicht meine Intention einem Menschen damit zu nahe zu treten. Wer sich daher persönlich angegriffen fühlt, begibt sich selbst in eine Schusslinie, die nicht auf sie/ihn ausgerichtet war.]

[Bild-Quelle: FlickrJack Newton.]

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2 Gedanken zu “Der gemeine Hipster, ein Mode- oder Medienphänomen?

    • Danke für das Lob. Und wenn ich Augenrollen und Schmunzeln hervorgerufen habe, dann habe ich schon ein wichtiges Ziel erreicht. Ich habe jetzt mal kurz Pinstagram ‘ausgecheckt’. Noch so eine Hipster-Exklusiv-App. Aber zumindest ist es keine ‘nur-so-tun-als-ob’-Technologie. Auch wenn es Instagram beinhaltet.

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